Wundversorgung

BVMed-Forum „Eine Stunde Wunde“: Qualifizierte Pflege muss in der Wundversorgung weiter gestärkt werden

Eine bessere Versorgung von Patient:innen mit chronischen oder schwer heilenden Wunden braucht speziell qualifizierte Pflegefachkräfte. „Durch die nun erfolgte Anpassung der Häusliche Krankenpflege-Richtlinie (HKP) des Gemeinsamen Bundesausschusses (G-BA) und des entsprechenden Rahmenvertrags Pflege wird dieses Vorhaben nun Realität“, sagte BVMed-Verbandmittelexpertin Juliane Pohl beim Gesprächsforum „Eine Stunde Wunde“ des Bundesverbandes Medizintechnologie (BVMed) am 6. Juli 2022. „Das stärkt die Pflege und sorgt für eine stärkere Vernetzung von Versorgungsangeboten.“ Durch die Fachkompetenz in der Pflege würden zudem Ärzt:innen im Rahmen einer interdisziplinären Zusammenarbeit entlastet werden, so die Wundexpertin Inga Hoffmann-Tischner in ihrem Impulsvortrag beim BVMed-Forum. Dieser Ansatz müsse jedoch zu Ende gedacht werden: „Die Effizienz der Versorgungsstrukturen muss grundsätzlich erhöht, die Vernetzung der Akteure gestärkt und die Rollen weiterentwickelt werden“, so die Pflegeexpertin auf dem interdisziplinären BVMed-Forum, in dem die neue Rolle der Pflege in der Wundversorgung im Fokus stand. Das nächste Online-Gesprächsforum findet am 6. September 2022 statt.

Durch die HKP-Richtlinie wurden die ärztliche und die pflegerische Versorgung um eine weitere Säule ergänzt: die spezialisierte Wundversorgung chronischer und schwer heilender Wunden, die künftig durch entsprechend spezialisierte Pflegefachkräfte durchgeführt werden kann. Einzelheiten zur Qualifikation definieren die Anfang 2022 abgeschlossenen Rahmenempfehlungen nach § 132a Abs. 1 SGB V. Inga Hoffmann-Tischner, Leiterin des pflegerischen Wundzentrums Aachen und Pflegedienstes in Köln, befürwortet diesen Schritt sehr, „da er die Qualität der Wundversorgung und zugleich das Berufsbild Pflege stärkt“. In ihrem einführenden Impulsvortrag bedauert sie jedoch, dass die Versorgungsstrukturen weiterhin hinter den Möglichkeiten zurückbleiben: So besteht im Rahmen von Modellvorhaben nach § 64d SGB V zwar die Option der Heilkunde-Übertragung für ausgewählte Diagnosen, bei der die Pflegefachkraft im Rahmen der Wundversorgung eigenständig Tätigkeiten übernimmt. Diese Kompetenz müsse jedoch flächendeckend anerkannt werden und in der Versorgung ankommen.

Weiterentwicklung des Berufsfeldes Pflege

Bei ihrer spezialisierten Tätigkeit stehe die Pflegefachkraft für mehr Fachkompetenz. Dazu gehören beispielsweise die Amnamese und Pflegediagnose im Austausch mit der behandelnden Ärztin oder dem behandelnden Arzt, die Beratung rund um Pflegeprodukte, die Krankenbeobachtung oder die Unterstützung bei der Patient:innen-Adhärenz. „Diese Spezialisierung motiviert die Pflege und macht ihr Spaß“, so die Wundexpertin. „Wir haben bereits einen Mangel an Pflegefachkräften. Deshalb muss sich die fachliche Pflege weiter wandeln. Wir brauchen Pflegefachkräfte, die mehr Verantwortung übernehmen können“, erklärt Hoffmann-Tischner.

Mehrwert durch Interdisziplinarität

Besonders effizient und zwingend notwendig sei dabei eine interdisziplinäre Zusammenarbeit. Die Wundexpertin berichtete von ihren eigenen Erfahrungen: Im Netzwerk ihrer Zentren befänden sich unter anderem Kliniken und Krankenhäuser, Hausärzt:innen und Fachärzt:innen aus der Umgebung, aber auch MedTech-Hersteller, sonstige Leistungserbringer wie Homecare-Versorger und Sanitätshäuser oder Apotheken. „Wir haben alle schnell festgestellt: Wir profitieren alle von einem Netzwerk, indem wir Effizienz und Expertise stärken. Ein Beispiel: Durch die spezialisierte Behandlung in der Pflege schaffen wir für die Praxen mehr Zeit für Diagnostik. Auf der anderen Seite erhalten unsere Patient:innen schneller Termine, da wir den Praxen genau sagen können, was los ist.“

Pflegefachkräfte in ihrer Tätigkeit stärken

Was Hoffmann-Tischner allerdings nicht nachvollziehen kann: Warum Krankenkassen behandlungspflegerische Leistungen in Frage stellen, wenn zuvor eine ärztliche Diagnose und Verordnung dafür stattgefunden hat. „Das ist eine veraltete Denke. Die Pflege hat ausreichend Fachwissen, um den Pflegebedarf festzulege, die nötige Leistung auszumachen und das der Krankenkasse zu melden. Die Leistung sollte sofort genehmigt sein“, fordert sie. Ihr Wunsch: Pflegefachkräften vertrauen und selbstständig arbeiten lassen.

Hoffmann-Tischner: „Wir müssen spezialisierte Pflegefachkräfte begeistern und ermuntern, indem wir sie fördern und stärken. Dafür brauchen wir gute und einfachere Prozesse, um auch spezialisierte Pflegedienste sinnvoll in die Versorgung einzubinden.“ Außerdem bräuchte es funktionierende Netzwerk-Strukturen mit starken Akteuren und einem Klima der Kommunikation und Kooperation. Welche Akteure in einer solchen Struktur eine Rolle spielen und welche Anforderungen an ein funktionierendes Netzwerk zu stellen sind, wird Thema des nächsten BVMed-Gesprächsforums „Eine Stunde Wunde“ am 6. September 2022 sein.

Über „Eine Stunde Wunde“

Wundversorgung kann nur interdisziplinär funktionieren, daher muss auch der Diskurs dazu interdisziplinär sein. Aus diesem Grund hat der BVMed das Gesprächsformat „Eine Stunde Wunde“ ins Leben gerufen. Das virtuelle Forum diskutiert alle zwei Monate die unterschiedlichen Themen der Wundversorgung. „Wir streben einen möglichst breiten Austausch zwischen allen Beteiligten in der Behandlung, Pflege und Versorgung von Wunden an. Unser Fokus ist eine gezielte, praxisnahe Auseinandersetzung mit dem jeweiligen Thema, die sicherlich auch interessante Perspektivwechsel ermöglicht. Interessierte sind eingeladen, nicht nur daran teilzunehmen, sondern auch sich mit Themen einzubringen“, so BVMed-Expertin Juliane Pohl.

Hinweis:
Anmeldung für die nächste „Eine Stunde Wunde“ am Dienstag, 6. September 2022 16:30 Uhr, unter: http://www.bvmed.de/2022-09-06

Der BVMed repräsentiert über 240 Hersteller, Händler und Zulieferer der Medizintechnik-Branche sowie Hilfsmittel-Leistungserbringer und Homecare-Versorger. Die Medizinprodukteindustrie beschäftigt in Deutschland über 235.000 Menschen und investiert rund 9 Prozent ihres Umsatzes in Forschung und Entwicklung. Der Gesamtumsatz der Branche liegt bei über 36 Milliarden Euro, die Exportquote bei 66 Prozent. Dabei sind 93 Prozent der MedTech-Unternehmen KMU. Der BVMed ist die Stimme der deutschen MedTech-Industrie und vor allem des MedTech-Mittelstandes.
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