Moderne Wundversorgung

2. Wunddialog des BVMed: Wundversorgung braucht bessere Rahmenbedingungen

Bessere Rahmenbedingungen für die Wundversorgung, damit die Lebensqualität der rund 900.000 Menschen mit chronischen Wunden in Deutschland verbessert werden kann, haben die Teilnehmer des zweiten BVMed-Wunddialogs gefordert. Konkret gehören dazu nach Meinung der Experten eine engere Verzahnung der hausärztlichen Betreuung der Patienten mit spezialärztlichen Behandlungszentren, die interdisziplinär, sektorenübergreifend und interprofessionell nach anerkannten Behandlungsleitlinien und -pfaden agieren. Außerdem müsse die Aus- und Weiterbildung der Ärzte und Pflegefachkräfte in allen Themen der Diagnostik und Therapie der Wundversorgung intensiviert werden. Auf Krankenkassenseite sei die Entwicklung geeigneter Fallmanagement-Programme zur frühzeitigen Identifikation der Risikopatienten und Steuerung in die spezialisierten Versorgungsmodelle erforderlich. Die Vergütung in der Wundversorgung sollte leistungs- und ergebnisbezogen erfolgen.

Notwendig seien auch bessere gesundheitsökonomische Daten zur Prävalenz, der Versorgung und den Kosten als Basis für die Optimierung der Prozesse und wirksamere Versorgungsangebote, so die Experten des BVMed-Wunddialogs mit Versorgungsnetzwerken, Krankenkassen, Ärztevertretern und den Herstellern von Wundversorgungsprodukten am 6. Dezember 2016 in Berlin. Bessere Wundversorgung reduziere das Leid der Patienten und senke gleichzeitig die Kosten für die Behandlung und Pflege. Patienten und Kostenträger würden gleichermaßen profitieren.

Dr. Stefan Rödig von Lohmann & Rauscher stellte die wichtigsten Ergebnisse der vom BVMed in Auftrag gegebenen Versorgungsstudie der PMV Forschungsgruppe Köln vor. Danach leiden rund 900.000 Menschen in Deutschland unter chronischen Wunden. Die Patienten sind überwiegend ältere, multimorbide und pflegebedürftige Patienten. Die vollständige Studie kann unter www.info-wundversorgung.de heruntergeladen werden.

Gabriela Kostka von der DAK Gesundheit machte deutlich, dass die Krankenkassen erhebliche Anstrengungen unternehmen müssen, um die Wundpatienten in ihren Datenbanken zu identifizieren und deren Versorgung statistisch zu erfassen und zu analysieren. Ihr Ziel ist es dabei, nicht nur rückblickende Auswertungen vornehmen zu können, sondern prospektiv die Risikopatienten zu erkennen und ihnen frühzeitig geeignete spezialisierte Versorgungsangebote zu unterbreiten. So ließen sich die sehr hohen Kosten vor allem für die Hochrisikopatienten deutlich reduzieren.

Als Beispiel für eine effizientere Zusammenarbeit der Beteiligten in der Wundversorgung stellte Nikolaus Schmitt von der BARMER GEK ein Ärztenetz im Siegerland vor. In die funktionierende Netzstruktur wird die Versorgung von Wundpatienten integriert. Nach seiner Meinung liegt der Erfolg des Modells darin, dass vorhandene Strukturen, die ein funktionierendes Netzmanagement und etablierte Kommunikationswege bieten, für die bessere Versorgung von chronischen Wundpatienten genutzt und keine weiteren Strukturen nur für die Wundversorgung geschaffen werden. Vereinbarte Behandlungspfade, eine unkomplizierte Dokumentation, abgestimmte Wundauflagen, Patientenschulung und die Überweisung der Hausärzte an den Spezialisten nach sechs Wochen nicht erfolgreicher Wundheilung sind einfache, aber wirkungsvolle Instrumente für bessere Behandlungsergebnisse, die mit einem Wund-Score gemessen werden.

Dr. Karsten Glockemann, niedergelassener Chirurg aus Hannover und Betreiber eines Wundzentrums, plädierte für einen spezialisierten Versorgungsansatz, den er seit fast zehn Jahren erfolgreich praktiziert. Die Arbeit eines guten Wundzentrums muss entsprechende Rahmenbedingungen erhalten und kann nicht allein durch andere Leistungen einer Praxis subventioniert werden, wie es heute oft der Fall ist. Fallkostenbezogene Budgets und Anerkennung einer Praxisbesonderheit sind notwendige Schritte in die richtige Richtung. Auch eine deutliche Bezeichnung der Praxis für die Hilfe suchenden Patienten und die Ausbildung als "Wundarzt" sind wichtige Maßnahmen.

Prof. Dr. Knut Kröger, Chefarzt der Klinik für Angiologie der Helios Klinik in Krefeld und stellvertretender Vorsitzender der Initiative Chronische Wunde (ICW), betonte, dass die Rahmenbedingungen konsistente Gesetze brauchen. Der Gesetzgeber steht in der Pflicht, seine eigenen Vorgaben bei dem Kampf gegen multiresistente Keime zu erfüllen. Mit dem DART-Programm gibt es einen Aktionsplan, der weder konsequent umgesetzt wird, noch konsistent in inhaltlich betroffenen Gesetzen und Verordnungen Anwendung findet. So hat der G-BA bisher keine Umsetzung für die geforderte MRSA-Sanierung vorgenommen. Im aktuell vorgelegten Entwurf einer Legaldefinition für Verbandmittel im Hilfsmittelreformgesetz HHVG müssen antimikrobiell wirksame Wundverbände weiterhin Verbandmittel bleiben. Diese Produkte sind ein wichtiger Teil des Kampfes gegen die multiresistenten Keime und können nicht ausgeschlossen werden.

Dr. Thomas Wild, Oberarzt am Städtischen Klinikum Dessau sieht die Notwendigkeit, den Erfolg in der Wundbehandlung in messbaren Parametern zu erfassen. Nur so wird sich die Qualität der Behandlung in Deutschland verbessern und der Rückstand zu anderen Gesundheitssystemen aufholen lassen. Am Beispiel des Dessauer Algorithmus der Wundheilung konnte er für das Ulcus cruris nachweisen, dass in einer selektivvertraglich organisierten Versorgung die Behandlungsdauer von 566 Tagen in der Regelversorgung auf 147 Tage reduziert werden kann. Dafür sind neben geeigneten Vertragsmodellen spezialisierte Ausbildungsangebote für Ärzte und Pflegekräfte, funktionierende Netzwerke und evidenzbasierte Therapiekonzepte nötig. Kritisch wies er darauf hin, dass zum einen mehr Evidenz gefordert wird, aber die vorhandenen Belege zu wenig beachtet und evidente Methoden oft nicht von den Krankenkassen erstattet werden.

2017 wird die Reihe der Wunddialoge fortgesetzt. Für die an der Wundversorgung Beteiligten ist das Forum zu einer wichtigen Austauschplattform geworden, die Impulse für die Diskussionen über die Zukunft der Versorgung und der nötigen Rahmenbedingungen schafft.
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